Ehrenpreis
Die Hommage und der Ehrenpreis Schnitt sind für unser Festival von Beginn an ein besonders wichtiges Anliegen. Die Kunst der Filmmontage findet meist im Verborgenen statt, und auch ihre Künstler neigen eher nicht dazu, das Rampenlicht zu suchen. Wie sehr herausragende Editorinnen oder Editoren ihre Filme mit geprägt haben, ist oft nur ihren Produzenten und Regisseuren bekannt. Dies zu ändern, haben wir uns Aufgabe gemacht. Die Hommage richtet daher jedes Jahr ihre Scheinwerfer auf eine Editoren-Persönlichkeit, deren Wirken, Filmografie und Einsatz für den Beruf es verdient hat, in einem feierlichen und öffentlichen Rahmen gewürdigt zu werden. Die Liste der bisherigen Preisträger des Ehrenpreises umfasst Editorinnen und Editoren mit durchaus unterschiedlichen Herkünften, Schwerpunkten und Lebenswegen. Eines vereint aber alle: Die Leidenschaft und den besonderen Einsatz für ihre oft unterschätzte – und zu selten thematisierte – eigenschöpferische Leistung im Dienste des Films.
© Magdalena BlaszczukKarina Ressler – unsere Ehrenpreisträgerin 2026
Karina Ressler zählt zu den prägenden Filmeditorinnen des europäischen Autorenkinos. Seit mehr als drei Jahrzehnten entstehen in ihrer Zusammenarbeit mit Regisseur:innen wie Jessica Hausner, Götz Spielmann, Barbara Albert, Sabine Derflinger, David Schalko oder Patric Chiha Filme, die das Publikum nicht durch dramaturgische Gewissheiten führen, sondern Räume für eigene Wahrnehmung eröffnen. Ihre Arbeiten wurden auf den großen internationalen Festivals uraufgeführt und vielfach ausgezeichnet. Dreimal erhielt Karina Ressler den Österreichischen Filmpreis für den Besten Schnitt. Als Professorin für Montage an der Hochschule für Fernsehen und Film München prägt sie darüber hinaus eine neue Generation von Editor:innen.
Eine besondere Konstante ihres Schaffens ist die langjährige Zusammenarbeit mit Jessica Hausner. Seit Hotel entwickeln beide gemeinsam eine Filmsprache, die Erwartungen bewusst unterläuft und vertraute Erzählmuster immer wieder infrage stellt. Aktuelle Werke wie Little Joe oder Club Zero zeigen, wie sehr die erzählerische Kraft dieser Filme immer wieder aus dem kreativen Dialog zwischen Regie und Schnitt erwächst.
Montage bedeutet für Karina Ressler das Freilegen dessen, was im Material bereits angelegt ist. Im sorgfältigen Vergleich von Blicken, Pausen und Bewegungen entstehen neue Zusammenhänge. Bedeutungen werden nicht erfunden, sondern entdeckt. Der Schneideraum wird zu einem Ort gemeinsamer Forschung. Resslers Montage interessiert sich weniger für eindeutige Botschaften als für Ambivalenzen, Zwischentöne und offene Fragen. Sie gibt Figuren Raum, sich zu entfalten, lässt Zeit, wo andere beschleunigen, und vertraut darauf, dass das Publikum eigene Verbindungen herstellt. Ihre Filme erschließen emotionale und erzählerische Komplexität und entwickeln eine nachhaltige Wirkung, die weit über den Moment des Sehens hinausreicht.
Mit dem Ehrenpreis Schnitt 2026 würdigt edimotion eine Editorin, die die Montage als eigenständigen schöpferischen Prozess versteht und ihr in zahlreichen herausragenden Filmen eine unverwechselbare Handschrift verliehen hat. Dass das Festival mit Little Joe einen Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit mit Jessica Hausner präsentiert und mit Revanche zugleich Götz Spielmanns Oscar-nominiertes, ebenso präzises wie existenzielles Erzählkino in den Mittelpunkt des Werkstattgesprächs stellt, macht die außergewöhnliche Bandbreite ihres Schaffens sichtbar. Beide Filme stehen exemplarisch für eine Montagekunst, die Geschichten nicht festschreibt, sondern sie im Material sucht, freilegt und ihnen ihre unverwechselbare Form verleiht.
- Bei der Arbeit an LITTLE JOE mit Jessica Hausner
© Evelyn Rois - Während der Arbeit an REVANCHE mit Regisseur Götz Spielmann
© Nico Albert - als junge Editorin
© Margareta Heinrich
Filmografie (Auswahl)
2004 Hotel. Spielfilm. Jessica Hausner
2006 Fallen. Spielfilm. Barbara Albert
2006 Schläfer. Spielfilm. Benjamin Heisenberg
2008 Revanche. Spielfilm. Götz Spielmann
2009 Lourdes. Spielfilm. Jessica Hausner
2012 Grenzgänger. Spielfilm. Florian Flicker
2012 Oh Yeah, She Performs!. Dokumentarfilm. Mirjam Unger
2016 Stille Reserven, Dokumentarfilm, Valentin Hitz
2017 Tiere. Spielfilm. Greg Zglinski
2019 Little Joe. Spielfilm. Jessica Hausner
2021 Fuchs im Bau. Spielfilm. Arman T. Riahi
2023 Club Zero. Spielfilm. Jessica Hausner
2024 Kafka. Mini-Serie. David Schalko
2025 Happyland. Spielfilm. Evi Romen
Termine
Freitag, 19.10.2026 um 20:00 Uhr | Filmforum NRW im Museum Ludwig
Eröffnung „Little Joe“ (AUT/GB/DE 2019, 105 Min., R: Jessica Hausner)
in Anwesenheit der Ehrenpreisträgerin mit anschließendem Filmgespräch
Laudatio: Jessica Hausner
Montag, 19.10.2026 | Filmhaus Köln
„Revanche" (AUT 2008, 121 Min., R: Götz Spielmann),
in Anwesenheit der Ehrenpreisträgerin mit anschließendem Werkstattgespräch und weiteren Filmausschnitten
Montag, 19.10.2026 um 20:00 Uhr | Filmforum NRW im Museum Ludwig
Preisverleihung Ehrenpreis Schnitt

LITTLE JOE
Alice, Wissenschaftlerin in einem Labor für Zierpflanzenzüchtung, entwickelt eine neue Spezies: Eine purpurrote Blume, die bei sorgsamer Pflege ihren Besitzern Glück schenken soll. Kurz vor der offiziellen Zulassung nimmt sie ohne Erlaubnis ein Exemplar für ihren Sohn Joe mit nach Hause. Während die Blume gedeiht, verändern sich Menschen und Tiere in ihrer Nähe auf rätselhafte Weise. Alice gerät ins Zweifeln, ob es sich um Einbildung handelt oder um eine tatsächliche Wirkung ihrer Schöpfung.
AUT/GB/DE 2019. Montage: Karina Ressler, Regie: Jessica Hausner. Buch: Jessica Hausner, Géraldine Bajard. Kamera: Martin Gschlacht. Musik: Teiji Ito, Markus Binder. Ton: Malcolm Cromie. Produktion: coop99 Filmproduktion, The Bureau, Essential Filmproduktion. Schauspiel: Emily Beecham, Ben Whishaw, Kerry Fox, Kit Connor, David Wilmot, Phénix Brossard. Verleih: X Verleih. 105 Minuten.

REVANCHE
Alex plant gemeinsam mit der Prostituierten Tamara die Flucht aus ihrem bisherigen Leben. Ein Banküberfall soll den Neuanfang ermöglichen, endet jedoch in einer Katastrophe, bei der Tamara durch einen Schuss des Polizisten Robert ums Leben kommt. Alex zieht sich auf den abgelegenen Hof seines Großvaters zurück, wo er Robert und dessen Frau Susanne begegnet, ohne dass die beiden ahnen, welche Vergangenheit sie bereits miteinander verbindet.
AUT 2008. Montage: Karina Ressler. Regie: Götz Spielmann. Buch: Götz Spielmann. Kamera: Martin Gschlacht. Ton:Heinz Ebner. Produktion: Prisma Film, Spielmannfilm. Schauspiel: Johannes Krisch, Irina Potapenko, Andreas Lust, Ursula Strauss, Hannes Thanheiser, Hanno Pöschl. Verleih: Filmladen (AUT), The Match Factory (Weltvertrieb), 121 Minuten.
Frühere Preisträger*innen
Mit der Hommage und dem Ehrenpreis Schnitt wurden bislang gewürdigt:
2025 Patricia Rommel
2024 Gabriele Voss
2023 Gisela Zick
2022 Fee Liechti Seigner
2021 Ingrid Koller
2020 Karin Schöning
2019 Heidi Handorf
2018 Norbert Herzner
2017 Inge Schneider
2016 Ursula Höf
2015 Christel Suckow
2014 Barbara von Weitershausen
2013 Juliane Lorenz
2012 Raimund Barthelmes
2011 Gisela Haller
2010 Monika Schindler
2009 Barbara Hennings
2008 Peter Przygodda
2007 Helga Borsche
2006 Dagmar Hirtz
2005 Evelyn Carow
2004 Thea Eymèsz
2003 Brigitte Kirsche
2002 Klaus Dudenhöfer